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azure – misunderstood 7“

Es geht 22 Jahre zurück. 1995. In eine Zeit, bei der ich nur vage, verklärte Vorstellungen davon habe, wie Hardcoreshows gefeiert wurden. Wie der Erwerb von Musik jenseits digitaler Optionen per papierne Mailorder-Bestellzettel funktionierte und sich Reviews unter anderem in DIY-Fanzines finden ließen. Es ist eine Zeit, um die sich nostalgische Mythen von „echtem“ Emo spinnen und ich kann nicht leugnen, mich diesen auch gelegentlich hinzugeben. Beispielsweise wenn sich die Seven Inch „misunderstood“ von azure dreht.

azure bestand aus Marc (Schlagzeug), Ingo (Bass), Arne (Gesang), Rene (Gitarre) und Pascal (Gitarre); letzterer war ebenso bei Rusty James aktiv. Aufgenommen und gemischt wurde die Platte in den Bremer Kuschelrock Studios, in denen auch Wegweiser dieser Zeit wie Assay, Systral, Acme, Lebensreform oder Loxiran aufnahmen.

„misunderstood“ läuft mit gleichnamigem, noch fast träumerischem Lied an, welches mit leicht verstimmten Gitarren und schrägem Gesang die Basis ihres Sounds bildet. Mit „Sad Days“ schlägt ihre Realität entgegen: Eine verzweifelte, die keinen Raum für Träumereien lässt. Die vordergründigen Riffs in „Verbannung“ und „War Memorial“ sind langwierige, simple, welche gepaart mit dem behäbig zornigem Geschrei die zurückhaltende aber eindringliche Mischung aus Wut und Verdruss unterstreicht.

Ich stelle mir durchaus die Frage, weswegen Lieder und Alben mit – nennen wir es – ungünstigen Voraussetzungen eines erfüllenden Hörgenusses dennoch in eine Kerbe schlagen können. Nach meiner Interpretation ging es azure sicher nicht darum, mit Sound zu bestechen, sondern um mit ihren leise wütenden Stücken einen Ausdruck ihrer Welten und Anschauungen zu vermitteln („She can‘t understand this stupid reasons, she doesn‘t wan‘t to accept this traditions, sad days in a sad life of a sad girl.“). Es ist so, als würden sie einfach das tun, womit sie meinen, eine Aussage manifestieren zu können – unabhängig davon, ob diese auf musikalischer oder inhaltlicher Ebene wohlwollend bei Hörer*innen aufgenommen wird.

Es ist ihre Autonomie, eine Art Protest, die mich an Bands dieser Zeit faszinieren. Es ist das Imperfekte und Raue, was sie authentisch macht.

 

Mixtape Matches: Rusty James – “Bulletin” & Assay – „Motor

Lyricly loved:Es bleibt mir nichts, nur die Angst der Verbannung.”

Favourite Song: War Memorial

Perfect Setting: Während man die Welt betrachtet.

Label: Honesty Records

Erscheinungsjahr: 1995

Digital:

 

1 kommentar

  1. Jo

    Für mich war die 7″ damals einfach nur Ausdruck eines Lebensgefühls: irgendwo zwischen Wut und Verzweiflung. Und die Platte hatte mich irgendwie “verstanden”.

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