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LIRR – ritual

Weit über ein Jahr nach dem Release von LIRRs EP „ritual“ und kurz nach dem Erscheinen des Longplayers „god’s on our side; welcome to the jungle“ ist es an der Zeit, ein paar Worte über erstere zu verlieren. Aktualität ist auf dieser Seite ja sowieso kein Maßstab.

„ritual“ erschien im April 2016 auf Through Love Records und Mountain of a Heart Records und wurde in den Leipziger lala Studios aufgenommen. Die EP umfasst vier Songs, die so fließend ineinander übergehen, sodass das Gefühl aufkommt, man habe es mit einem an jedem Ufer akribisch erschaffenen Tonstrom zu tun.

Als ich die Platte erstmals hörte, war es ein Stirnrunzeln, das sie mir vor den Kopf warf und mich dieses beim Hören weiterhin begleitete. Es war ein Stirnrunzeln der Verwunderung, eines der Erkenntnis, dass mit dieser Platte etwas wirklich Neues zwischen meinen liebevoll auf- und zugezogenen Schubladen entstanden ist. Es war ein Stirnrunzeln, das mit tiefer Ergriffenheit einherging und dem Impuls, sofort immer tiefer in jede Spur einzutauchen.

Es ist als stellte sich jedes Instrument in den ersten Sekunden von „teeth/skin“ kurz vor, um den Verlauf des Folgenden anzudeuten: mit sirrenden, passgenauen Riffs beginnend, gefolgt von einem finster drein blickenden Bass, der das Schlagzeug an die Hand nimmt. Und so überrollt mich jeder Ton bis zum auflösendem Feedback, bis die immer rasanter werdende tonale Stromschnelle in leise, liebliche Wellen gleitet. So ist es ein Wechselspiel zwischen dem Lieblichen und den jederzeit immens energetischen und zweiflerischen Wogen, die mich hin und her reißen.

Genau diese Spiel der Hin- und Hergerissenheit, diese immer bestehende Spannung ist essentiell für „ritual“. Es geschieht unheimlich viel in diesen zwanzig Minuten und gerade bei den ersten Momenten ihres Konsums ist kaum vorhersehbar, was passieren wird. Und auch folglich, wenn nicht mehr abzählbar ist, wie häufig sich ihre Klänge in den Hörkanal verirrt haben, fallen mir immer wieder Details auf, die bisher noch nicht ausreichend in den Fokus gerückt sind. Derzeit ist das für mich der sich im Rausch der Euphorie windende Bass in „teeth/skin“ ab Minute 5:13.

„floor/tongue“ beginnt verglichen zu seinem Vorgängerstück mit ruhigem Gesang und seichten Synthies. Mit einsetzenden Gitarren und ausgedehnteren Schlägen wird sich ganz vorsichtig gesteigert bis zum Bruch – einem ungestümen und stürmischen -, der in einen glänzenden Postrock-Teil sinkt. Bei etwa der Hälfte des Liedes geht durch den einsetzenden Gesang und das catchy Riff dieser postige Sound in einen Part über, den man getrost als Emo bezeichnen kann. Und genau dieser Wechsel ist ein geeignetes Beispiel dafür, weswegen ich mich – und ich übertreibe durch die Verwendung dieser Formulierung nicht – in diese Platte verliebt habe. LIRR schaffen es nicht nur Elemente verschiedenster Genres zu verwenden, sondern auch in einen Guss zu bringen, ohne dass sich etwas überladen oder unausgewogen anhört. Ein wenig Postrock, Emo, Math und Screamo tänzeln ganz ungezwungen miteinander.

Dass diese Platte in mir überschwängliche Begeisterung ausgelöst hat, dürfte nach diesen Passagen offensichtlich sein. Kurz nachdem ich sie im Herbst 2016 entdeckt habe, fand sich die glückliche Gelegenheit ein, sie in der Reil/Halle zu sehen. Mit ein wenig Aufregung und Spannung ging es also zu dieser sonntäglichen Matinee bei Kuchen und Bier in der Oktobersonne. Dieses großartige und gut gespielte Konzert war zweifelsohne das Grand Finale unmittelbar nach Entdeckung von LIRR.

Favourite Song: teeth/skin

Mixtape Matches: La Dispute – Woman (Reading) & A Poor Man’s Memory – Yön

Lyricly loved:It will creep into our beds and will stay there until it’s burned.(teeth)

Perfect Setting: Zwischen Hell und Dunkel und Dunkel und Hell.

Labels: Through Love Records, Mountain of a Heart Records

Erscheinungsjahr: 2016

Bandcamp: https://throughloverec.bandcamp.com/album/ritual

Facebook: https://www.facebook.com/godspeedyoulirr/

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